06.03.2017/ HR
Gegenwind für den Flottenverband

Joe Kaesers Grundsatzfrage zur Unternehmensstrategie erzeugte Ende Februar eine große Welle in den Medien: "Wie groß kann ein einzelnes Unternehmen noch sein, wenn es erfolgreich sein will - und vor allem, wie breit?"

Integriert vs. Holding?

Die Frage war eingebettet in ein Interview mit "Euro am Sonntag" mit bemerkenswerten Aussagen zur künftigen Unternehmensstrategie der Siemens AG. Ein möglicher Börsengangs von Healthineers in den USA, der bei der IG Metall auf wenig Gegenliebe stößt, trat dabei gegenüber potenziell folgenschweren Fragen zur Organisationsstruktur in den Hintergrund. Sieht Kaeser Siemens heute als "einzelnen Tanker", schwebt ihm demnach für die Zukunft wohl eher ein "koordinierter und leistungsfähiger Flottenverband" vor. Mit anderen Worten: Der integrierte Industriekonzern, dessen breite Aufstellung ihm Stabilität und Gewicht verleiht, wird wieder einmal zugunsten der Gedankenspiele über eine angeblich effektivere Holding-Struktur in Frage gestellt.

Skeptische Fragen

Auf der Arbeitnehmerseite ruft diese alles andere als neue Idee vor allem skeptische Fragen hervor. Um im maritimen Bild zu bleiben: Was wird aus den weniger windschnittigen Teilen der Flotte, wenn die Schnellen ihnen davonziehen? Was, wenn sich zu viele Elemente des Verbands in alle Winde zerstreuen? Wenn einzelne Schiffe sich verfahren, auflaufen oder gar geentert werden? Und was, wenn ein schwerer Sturm kommt, wie ihn Siemens in den Jahren 2008/2009 nicht zuletzt gerade aufgrund seines Gewichts und seiner Vielfalt weitgehend unbeschadet überstand?

Selbst bei Analysten und Börsianern stößt diese Vorstellung nicht nur auf Gegenliebe. Die "Börsenzeitung" bezeichnete sie als "Schönwetterveranstaltung" und warnte, aus Sicht langfristiger Investoren sei eine Zerlegung nicht wünschenswert: "In Zeiten von Niedrigzinsen wollen sie eine verlässliche Dividendenzahlung, und diese wird nur durch eine dauerhaft stabile diversifizierte Aufstellung garantiert."

Wir für ein breites Siemens

In die selbe Richtung stößt die Kritik des Vereins "Wir für Siemens", der die Interessen von Mitarbeiteraktionär_innen vertritt. Er nahm Anfang März Stellung und betonte, nach seiner Auffassung sei Siemens "gerade aufgrund seiner breiten Aufstellung als integrierter Technologiekonzern so stark". Der Verein warnt daher davor, für den schnellen Profit langfristige Stabilität aufs Spiel zu setzen: "Die Geschwindigkeit der Veränderungen nimmt zu, dabei darf aber nicht den Launen der Finanzmärkte nachgegeben werden, die nach schneller und kurzfristiger Gewinnmarge rufen. Vielmehr müssen nachhaltige und zukunftsfähige Perspektiven geschaffen werden, von denen auch die Mitarbeiter profitieren, denn sie erwirtschaften den Gewinn. [...] Gerade ein großes Schiff mag in bewegten Zeiten wie diesen schwer lenkbar erscheinen, entscheidend ist aber, dass es in stürmischer See stabil und bei vorausschauender Lenkung mit der Mannschaft für viele Unwetter gerüstet ist."


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