08.11.2017/ SD
"Schlag ins Gesicht der Mitarbeiter"

Während sich die Unruhe im Unternehmen weiter ausbreitet, kommuniziert der Vorstand, wenn überhaupt, vor allem über die Medien. Einem dpa-Interview der Arbeitsdirektorin folgte eine Welle bemerkenswert gleichförmiger Meldungen unter Berufung auf einen ungenannten "Insider" – Gesamtbetriebsrat und IG Metall reagieren mit einem offenen Brief.

Lancierte Informationen ...

Praktisch auf einen Schlag veröffentlichten zahlreiche Medien ab Dienstagvormittag ergänzende Informationen zu Janina Kugels eher allgemein gehaltenen Aussagen von der Vorwoche. Dieser Effekt legt den Verdacht nahe, dass es sich um gezielt lancierte Informationen handelt, die Siemens an den normalen Kommunikationswegen vorbeischleusen wollte.

... vom Wittelsbacherplatz?

Ein geheimnisvoller Insider hat demnach im Wesentlichen erklärt, an massiven Einschnitten einschließlich betriebsbedingter Kündigungen führe kein Weg vorbei; Siemens könne sich aber vorstellen, Standorte in Ostdeutschland durch übergreifende Verlagerung am Leben zu erhalten; denkbar sei auch, zugunsten der Beschäftigung auf einen[!] Prozentpunkt Marge zu verzichten. Nach der individuellen Einschätzung eines beliebigen mittleren Managers klingt das nicht.

Offener Brief von GBR und IG Metall

Diese Entwicklung markiert einen neuen Tiefpunkt in der Kommunikation zwischen Unternehmensführung und Arbeitnehmerseite, die im aktuellen Konflikt ohnehin vom Start weg nicht gerade glatt verlief. Birgit Steinborn, Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates, und Jürgen Kerner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, reagieren mit deutlichen Worten in einem offenen Brief an Joe Kaeser und Janina Kugel.

"Unwürdig und beschämend"

Die indirekte Kommunikation über die Medien bezeichnen sie als "für unser Unternehmen unwürdig und beschämend" und "Schlag ins Gesicht der Mitarbeiter und der Mitbestimmungskultur". Verbunden damit ist die nachdrückliche Aufforderung, den Wirtschaftsausschuss und die Beschäftigten "umfassend, rechtzeitig und ehrlich zu informieren"; so wurde beispielsweise der 16. November dem Gesamtbetriebsrat erst als Termin für den Wirtschaftsausschuss mitgeteilt, nachdem dies offenbar bereits in den Medien verbreitet war.

Für Unmut sorgt auch der stets öffentlich geäußerte Hinweis, die Arbeitnehmerseite sei bereits über die aktuellen Pläne informiert. Im Fall der betreffenden Pläne für die Divisionen PG und PD jedenfalls trifft dies nicht zu. Zwar ist deren schwierige Lage grundsätzlich in der Tat bekannt, weshalb schon in den Jahren 2015 und 2016 Restrukturierungen beschlossen wurden, deren Umsetzung noch nicht abgeschlossen ist. Was aber die offenbar im Vorstand geplanten Konsequenzen betrifft, sind Betriebsräte und IG Metall nach wie vor auf Medienberichte angewiesen.

Konstruktive Alternativen gefordert

Steinborn und Kerner appellieren, endlich Alternativen für PG und PD im Einzelnen sowie alle deutschen Standorte im Allgemeinen zu erarbeiten: "Unsere Belegschaften müssen beteiligungsorientiert und fair einbezogen werden. Die Energieerzeugung bleibt ein global wachsender Markt. Es kommt darauf an, Ressourcen und Freiräume zu schaffen, um divisionsübergreifend neue Geschäftsmodelle und Produkte in einem sich wandelnden Energiemarkt zu entwickeln. Damit kann Beschäftigung und Know-How nachhaltig am Standort Deutschland über die gesamte Wertschöpfungskette gesichert werden. [...] Wir erwarten jetzt konkrete Fakten und Alternativen statt Mediengerüchte und Insiderinformationen über Stellenabbau, betriebsbedingte Kündigungen, Verlagerungen und die Zukunft verschiedener Standorte, die übrigens Ihrerseits jederzeit dementiert werden können. "

Abschließend folgt ein Hinweis auf das Abkommen zur Standort- und Beschäftigungssicherung: "Bislang sind wir davon ausgegangen, dass unser Beschäftigungsabkommen und der Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen Bestand hat. Wir erwarten, dass gerade auch in schwierigen Zeiten Vereinbarungen und Verträge eingehalten werden."


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