20.12.2017/ SD
Allein auf weiter Flur

Nun ist es wieder passiert: Wenn Joe Kaeser wegen drastischer Abbaupläne nicht aus der Kritik kommt, tritt er zuweilen die Flucht nach vorn an, erscheint unerwartet vor Ort und spricht dort frei heraus. Was zuletzt im April 2016 in Ruhstorf geschah, hat sich nun in Görlitz wiederholt.

(Screenshot: tagesschau.de)

Görlitzer singen in München für den Standorterhalt.

Verkehrte Welt

Wo genau der CEO damit hin will, bleibt dennoch unklar. Bereits kurz zuvor hatte er sich im allem Anschein nach immer näher an den Siemens-Vorstand heranrückenden "Manager Magazin" geäußert und einen Hauch Selbstkritik spüren lassen. Der diente allerdings vor allem als Einleitung, um im selben Atemzug umso nachdrücklicher zu versuchen, alle Schuld auf Betriebsräte und IG Metall abzuwälzen. Deren Position bezeichnete er als gegenüber den betroffenen Menschen "unverantwortlich" – verkehrte Welt.

"Echt schade"

In Görlitz erklärte er nach der Mitarbeiterversammlung vor den Kameras der "Tagesschau": "Es wäre echt schade, wenn dieser Standort verloren ginge." Das können die Arbeitnehmervertreter natürlich nur unterstreichen, zumal sie genau das vom Bekanntwerden der Schließungspläne an stets selbst betont haben. Man muss in diesem Zusammenhang wohl weder ausführen, von wem die Schließungs- und Abbaupläne stammen, noch wer sie grundsätzlich mit einem Wort zurücknehmen könnte.

CEO im Alleingang

Letzteres ist leider trotz Kaesers neuen Nachdenklichkeit bislang ausgeblieben. Er allein weiß wohl auch, wohin dieser überraschende Weg eigentlich führen soll. Dem Vernehmen nach nämlich war der diensttägliche Vorstoß wohl ein klassischer Alleingang und nicht Teil einer im eigenen Haus abgestimmten Strategie. Entsprechend überrascht waren unter anderem etliche Görlitzer Beschäftigte, die ihrerseits am selben Tag zu einem besinnlichen Weihnachtssingen vor der Unternehmenszentrale gereist waren – womöglich ist ihnen der CEO auf der Autobahn entgegengekommen.

Am Mittwoch folgt ein Gespräch mit Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer. Mit einem klaren Abrücken von den beabsichtigten Standortschließungen ist vermutlich auch dabei nicht zu rechnen, wenngleich ja Weihnachten mit großen Schritten näherkommt. IG Metall und Betriebsräte sind jedenfalls trotz aller Eventualitäten darauf eingestellt, die Auseinandersetzung nach den Feiertagen weiter zu führen.


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